Thays Brief an die Mönche und Nonnen in Prajna und an uns alle

Thay macht sich um euch keine Sorgen, doch bedeutet dies nicht, dass Thay sich nicht um euch kümmert / euch keine Aufmerksamkeit schenkt.

Thay macht sich um euch keine Sorgen, da Thay Vertrauen in euch hat.
Thay hat das Vertrauen, dass ihr euch auch in herausfordernden und schwierigen Situationen dem Dharma getreu verhalten könnt.
Und ihr habt bewiesen, dass ihr dies tun könnt. Und aus diesem Grund ist Thays Vertrauen in euch schnell gewachsen.
Dies beschert Thay und euch ein solches Glücksgefühl.“

Sitting Still Hut, Upper Hamlet, Plum Village
20. Juli 2009

Still sitzen, unerschütterlich

An meine Studenten in Bat Nha, Tu Hieu und allerorten,

Thay sitzt in der „Sitting Still Hut“, im Upper Hamlet von Plum Village während er diesen Brief an euch schreibt. Der Sommer Retreat in Plum Village ist voller Freude und Frieden.  Es gibt wirtschaftliche Schwierigkeiten in der Welt, doch die Zahl der Menschen, die während der vier Wochen nach Plum Village kommen, ist immer noch sehr hoch, vielleicht höher als in den vorangegangenen Jahren. Nicht nur gibt es viele Kinder, auch die Teenager im Alter von 13 bis 18 sind zahlreich vertreten. Die Zahl junger Erwachsener von 18 bis 25 ist auch recht hoch. Jede Altersgruppe praktiziert zusammen, führt Dharma-Gespräche und isst zusammen, um ihre Erfahrungen mit der Praxis miteinander zu teilen und ihre Verbundenheit als Brüder und Schwestern aufzubauen. Die Wake-Up Bewegung für unsere jungen westlichen Freunde wächst auch sehr schnell. Habt ihr die Wake-Up T-shirts gesehen? Es gibt viele junge Menschen, die jedes Jahr nach Plum Village kommen; sie sind mit der Lebensweise und Praxis in Plum Village vertraut, womit sie denen helfen können, die zum ersten Mal gekommen sind. Am Morgen des 16. Juli 2009 stellte Bruder Phap Trien im New Hamlet zum ersten Mal die Armbanduhr mit dem Zeichen des gegenwärtigen Moments vor. Diese Armbanduhr wurde von unseren jungen Mönchen im Upper Hamlet entworfen mit Thays Kalligraphie: „It’s now.“ („Es ist jetzt.“). Wann-immer wir nun unsere Hand anheben, um auf unsere Uhr zu schauen, wird sie uns wissen lassen, das dies der gegenwärtige Moment ist. Es gibt ein Design für Männer und ein Design für Frauen. Am selben Tag kamen 150 Leute in den Buchladen, um die Uhr zu kaufen. Ein Laien-Praktizierender schnalzte mit der Zunge und sagte „Dies ist eine wirklich brillante Idee“. Wir nennen sie „die Uhr des gegenwärtigen Moments“.  Bruder Phap Trien war einer der zwei jungen Mönche, die Thay halfen, diese Uhr zu entwerfen. Der andere war Bruder Phap Chieu, der auch sehr jung ist, und der am Ende dieses Jahres die „lamp transmission“ empfangen wird! Die Uhr wird in den USA hergestellt.

Es waren bis zu 800 Laien-Freunde, die zur dritten Woche des Sommer-Retreats kamen und etwa 50 Länder der Welt vertraten. Mit den ständig hier Wohnenden haben wir im Moment über 1000 Menschen in den vier Hamlets. Doch ist es sehr friedvoll und ruhig.  Jeder ist glücklich, Gehmeditation zum Hang von New Hamlet zu praktizieren, zum Wald von Lower Hamlet, und Sitzmeditation unter den Eichen im Upper Hamlet mit Blick in Richtung Lower Mountain Hamlet. Das Reine Land ist keine Idee mehr; während dieser Geh- und Sitzmeditations-Zeiten wird es eine Realität. Kinder wie auch Erwachsene sind in der Lage, im gegenwärtigen Moment zu verweilen. Gestern, während er den Dharma-Vortrag hielt, sah Thay wie eine Mutter dem Dharma-Vortrag zuhörte und gleichzeitig ihr Kind stillte; Mutter und Kind waren beide offensichtlich glücklich. In der asiatischen Kultur ist es noch nicht akzeptabel, dass eine Mutter einem Dharma-Vortrag zuhört während sie ihr Kind stillt, da Menschen dann denken würden, dass dies nicht genug Respekt dem Dharma gegenüber ausdrückt. Thay denkt jedoch, dass dies hier eine Umgebung für angewandten Buddhismus ist – das Kind kann damit, während es die nahrhafte Milch seiner Mutter für seinen Körper erhält, auch von der friedvollen, ruhigen Atmosphäre der Meditationshalle als spiritueller Nahrung profitieren. Für Thay ist dies ein schönes Bild. Wir wissen nicht, ob unsere Kamera-Brüder oder -Schwestern Gelegenheit hatten, es auf Video aufzuzeichnen oder nicht. Während der vier Wochen, und obwohl unsere Mönche und Nonnen und unsere Langzeit-Praktizierenden viel Zeit und geistige Kraft investieren mussten, unsere Laien-Freunde anzuleiten und sich um sie zu kümmern, waren wir doch alle glücklich, dass unsere Laien-Freunde glücklich waren. Denn es sind die Veränderung und die Freude unserer Laien-Freunde, die das Glück unserer ständig hier Wohnenden nähren. Die Möglichkeit zu haben, anderen Glück zu bereiten, ist der Wunsch spirituell Praktizierender, und wir, Lehrer und Studenten, haben in Plum Village, Deer Park, Blue Cliff, und überall sonst diese Gelegenheit. Thay stellt sich vor, dass in der Zukunft jedes Land viele Praxis-Zentren wie Plum Village haben muss, um dem wachsenden Bedürfnis der Menschen zu praktizieren nachzukommen. Die Dharma-Lehrer, die wir ausbilden, werden die Verantwortung haben, derartige Praxis-Zentren in Zukunft überall einzurichten. Unser Ziel ist es nicht, die Lehren weiterzugeben; noch ist es, weitere buddhistische Anhänger zu bekommen. Unser Ziel ist es, Praxis-Umgebungen zu schaffen, so dass jeder die Möglichkeit hat, zum Praktizieren zu kommen, sein/ihr Leiden zu transformieren, und zu lernen wie man glücklicher leben kann. Wir wollen nie, dass Laien-Praktizierende ihre kulturellen und spirituellen Wurzeln verleugnen. Im Gegenteil, wir ermutigen sie immer zurückzukehren, um den Strom ihrer Traditionen zu klären.

Sich hin und her Sorgen machen“

Wir haben viel gelernt von dem, was in den letzten Monaten in der Prajna Monastery geschehen ist. Thay hat in den letzten Wochen viele Briefe von euch in Prajna erhalten. Ihr berichtet mir von vielen Ereignissen, doch gibt es keinen Brief, der nicht den Satz enthält: „Lieber Thay, bitte sorge dich nicht um uns“. Eure Aussage bedeutet: Lieber Thay, wir machen uns keine Sorgen um uns selbst, aber wir machen uns Sorgen, dass du dir um uns Sorgen machst! Und wenn Thay sich Sorgen macht wird er krank werden, und das wird alles verderben. Deshalb schreibt euch Thay diesen Brief, um euch wissen zu lassen: Thay macht sich keine Sorgen um euch, deshalb braucht ihr euch auch keine Sorgen um Thay zu machen. Sorgt euch nicht „hin und her“. Jeder muss sich nur schön verhalten (behave beautifully), seinen/ihren Teil tun, das ist genug! Ist diese Botschaft klar, meine lieben Kinder?

Thay macht sich um euch keine Sorgen, aber das bedeutet nicht, dass er euch keine Aufmerksamkeit schenkt. Thay schenkt euch jeden Tag, jede Stunde, jede Minute seine Aufmerksamkeit. Thay sorgt sich nicht um euch, da Thay Vertrauen in euch hat. Thay hat das Vertrauen, dass ihr euch in herausfordernden und schwierigen Situationen dem Dharma getreu verhalten könnt. Und ihr habt bewiesen, dass ihr das tun könnt. Und aus diesem Grunde ist Thays Vertrauen in euch schnell gewachsen. Dies beschert Thay und euch ein solches Glücksgefühl.

In den alten Zeiten sagte euer Großvater-Lehrer (Grandfather Teacher) Thanh Quy [Thay’s root teacher] Thay niemals, dass er ihn liebt oder dass er Vertrauen in Thay hat. Das war die Art und Weise der älteren Generation. Sie glaubten, dass Heiligkeit (sacredness) verloren gehen würde, wenn sie ihre Liebe zum Ausdruck brächten. Thay konnte jedoch die Liebe und das Vertrauen von Großvater-Lehrer spüren und Thay war sehr glücklich. Es gibt für einen Schüler kein größeres Glück als zu wissen, dass er/sie von seinem/ihrem Lehrer geliebt wird und dieser ihm/ihr vertraut. Die stille Liebe und das Vertrauen von Großvater-Lehrer hat Thays ganzes Leben der Praxis genährt. Und Thay glaubt, dass Großvater-Lehrer auch sehr glücklich war, wenn er Schüler hatte, denen er all seine Liebe und Vertrauen anvertrauen konnte. Thay ist jemand mit einem großem Glücksgefühl (great happiness), da Thay in euch Vertrauen hat. Vertrauen in euch zu haben bedeutet, Vertrauen in die Zukunft zu haben. Stellt euch vor wir hätten kein Vertrauen in die Zukunft – wäre es dann möglich, dass wir glücklich leben könnten?

Thay vertraut darauf, dass ihr genug der Fähigkeit besitzt zu verstehen, zu lieben, und ohne Gewalt zu reagieren. Wenn wir unsere liebende Güte (loving kindness) und unser Mitgefühl aufrechterhalten können und in jedweder schwierigen Situation mit liebender Güte und Mitgefühl antworten können, dann werden wir von einer heilsamen Energie beschützt sein. Das ist die Energie der Drei Juwelen. Es gibt keinen Schutz, der so stabil und sicher ist wie die Energie der Drei Juwelen, von Verstehen und Mitgefühl. Der Tag, an dem Thay die Nachricht erhielt, dass Menschen in eure klösterliche Unterkunft Fragrant Palm Forest eingedrungen waren, euer Habe hinausgeworfen hatten, jeden, der ihnen in den Weg kam, wegdrängten, und dann in den dritten Stock gingen – nur um euch alle bei der Sitzmeditation vorzufinden wie ihr den Bodhisattva des tiefen Zuhörens, Avalokiteshvara, in der unerschütterlichen Position anrieft, ohne einen Versuch zu unternehmen zu reagieren oder dagegen anzukämpfen, wusste Thay, dass ihr in der Lage seid das zu tun, worauf Thay gehofft hatte - und so gibt es keinen Grund mehr für Thay, sich um euch Sorgen zu machen.

Thay macht sich um euch keine Sorgen, aber viele Menschen haben sich sehr um euch gesorgt – Menschen innerhalb des Landes und in der Welt; Vietnamesen wie auch internationale Freunde; Buddhisten wie auch nicht- Buddhisten. Nicht nur eure Eltern und Verwandten machen sich Sorgen, auch die vier-fachen Sanghas, mit und ohne Verantwortung in der Buddhistischen Kirche sorgen sich um euch. Eure älteren und jüngeren klösterlichen Brüder und Schwestern überall im Land und außerhalb des Landes sorgen sich auch um euch. Und wie ihr, sorgen sich alle auch um Thay. Sie alle machen sich Sorgen, dass Thay sich Sorgen macht. Und wenn Thay sich Sorgen macht, wird Thay krank werden. Hier in Plum Village dachten alle eure klösterlichen Brüder und Schwestern, dass Thay sich sehr um euch sorgt, besonders während der heftigsten Tage. Während dieser Tage praktizierte Thay oft Sitz- oder Gehmeditation um euch extra Energie zu schicken. Es war an einem der intensivsten Tage, als alle Brüder und Schwestern aus den vier Hamlets zu Thays Einsiedelei kamen, um am Monastic Day teilzunehmen. Als sie sahen, dass Thay am Phuong Khe Bach saß, frisch aussah und ohne Sorgen, waren sie alle überrascht und froh. Es stellte sich heraus, dass sich jeder um euch und um Thay sorgte.  Die Armen! (Poor things!)  Thay hörte, dass es an demselben Abend ein schweres Unwetter in Prajna gab. Jeder war glücklich. Denn wenn es so regnete und stürmte, würden Leute nicht die Möglichkeit haben zu kommen und euch zu schikanieren. Wenn es so stark regnete, dann würdet ihr zumindest Wasser holen können, um den Tag über durchzuhalten. Ein guter Freund erzählte Thay, dass er Prajna an einem der heftigen Tage angerufen hatte, und dass er das Lachen der jungen Mönche und Nonnen hören konnte; was ihm ein Gefühl der Beruhigung gab. Thay glaubt, dass wenn es keine Brüderschaft und Schwesternschaft gäbe; wenn wir unseren Weg nicht kennen würden und die Art und Weise, uns in schwierigen Situationen zu verhalten; und wenn wir nicht den Glauben in den Pfad der Liebe hätten, dann wäre es unmöglich, dieses Lachen und diese Freude für das Leben aufrechtzuerhalten.


Die Schwierigkeiten, die sich in Prajna ereignen, erhöhen nicht nur Thays Vertrauen und Zuversicht in euch, sie öffnen auch die Augen vieler Menschen. Dank dieser Schwierigkeiten kommt die Wahrheit langsam ans Tageslicht. Ständig wollen Leute sagen, dass das, was sich in Prajna abspielt, eine kleine interne Sache ist, die es nicht wert ist, als Nachrichten kommuniziert zu werden, nicht wert der Aufmerksamkeit von Menschen innerhalb und außerhalb des Landes. Wir alle wussten von Anfang an, dass es nicht um einen internen Kampf um einen Tempel ging, sondern, dass es das Ergebnis einer Täuschung war (nämlich): dass die Präsenz Prajnas eine Gefahr für die nationale Sicherheit sein könnte, weil die Mönche und Nonnen in Prajna, das heißt ihr, Menschen seid, die Politik betreiben wollen. Schlug der Fernsehsender in Lam Dong nicht zwei Mal diese Theorie vor? Jemand rief an, um Wege zu finden, Prajna zu helfen, und ihm wurde mitgeteilt: „Dies ist eine Frage nationaler Sicherheit, und Sie sollten nicht darin verwickelt werden“. Was sich in Prajna abgespielt hat, beweist, dass diese Fabrikationen völlig unwahr sind. Es so zu projizieren, derartige Dinge zu erfinden, ist wie das, was im Sutra über das Zeichnen eines Gemäldes in der Luft gesagt wird: ohne Leinwand, ohne Skizzenpapier kann es niemals gemalt werden! Jetzt kann jeder im Land und in der Welt sehen, dass die Mönche und Nonnen und die Aspiranten nur eine Sache tun. Das ist: zu praktizieren und andere in der Praxis anzuleiten. Das Ziel der Praktizierenden ist es, für uns selbst zu praktizieren, um die ethischen und kulturellen Werte wiederherzustellen, die langsam untergraben/ausgehöhlt wurden und werden, so dass wir dazu beitragen können, die Verbreitung gesellschaftlicher Probleme (afflictions) wie Gewalt, Drogenabhängigkeit, Prostitution, Selbstmord, zerbrochene Familien, Korruption und Machtmissbrauch stoppen können. Gleichzeitig können wir allen in unserer Gesellschaft zu einer gesunde spirituellen Richtung verhelfen. Nach diesen Unwettern kann jeder sehen, dass ihr wahre Praktizierende seid. Ihr seid jung, doch euer Wunsch anderen zu helfen ist sehr groß, und euer Vertrauen in eure nationale Ethik ist nicht zu erschüttern. Ihr seid nicht nach Prajna gekommen, um nach Ruhm, Position oder Landbesitz zu streben, sondern ihr kamt wegen eines Ideals – eines Ideals zu praktizieren, um dem Leben zu helfen. Eine Anzahl Leute wurde angestachelt, nach Prajna zu kommen, um euch zu bedrohen und zu verjagen, doch dank eurer liebenden und gewaltlosen Reaktionen haben sie erkannt, das ihr wirkliche Praktizierende seid, dass ihr ihre Kinder, ihre Brüder und Schwestern, ihre spirituellen Gefährten seid. Und so weinten sie und gingen wieder. Erinnert ihr euch an die Zeiten als Leute aufgefordert wurden, euch anzugreifen? Als sie eure Anrufung des Bodhisattva Avalokiteshvara hörten, und viele von ihnen ihre Handflächen aneinander legten und sich nach euren Unterkünften Cloud on the Mountain, Glowing Hearth, und Fragrant Palm Forest ausrichteten? Und danach gingen sie ohne sich dem Mob anzuschließen. Es war wegen eures mitfühlenden und gewaltlosen Verhaltens, dass sie realisierten, dass das, was sie gehört hatten, nicht stimmte; und dass sie Zeuge geworden waren eines Bildes von wahren jungen Praktizierenden. Thay vertraut darauf, dass viele Polizisten, nach Tagen und Monaten des Umgangs mit euch, in denen sie eure Ausweise und Wohnsitznachweise einforderten, und in denen sie viele Gruppen miterlebt hatten, die sich organisiert hatten, um nach Prajna zu kommen und euch zu beleidigen und aufzuhetzen – dass sie auch realisiert haben, dass ihr wahre Praktizierende seid und dass ihr kein Verlangen nach Politik habt. Mit Sicherheit gibt es Polizisten, die nach Hause kommen und alleine in der Dunkelheit weinen und nicht verstehen, warum sie die Dinge tun müssen, die sie nicht wirklich tun wollen, und sich fragen warum die Präsenz friedvoller Mönche und Nonnen wie dieser gefährlich für die nationale Sicherheit ist wie man es ihnen gesagt hat?

Mit Sicherheit weiß der Ehrwürdige Duc Nghi auch genau, dass ihr wahre monastische Praktizierende seid und die Achtsamkeitsübungen und die achtsamen Umgangsformen ehrlich ausübt. Thay Duc Nghi hat auch sein eigenes Leiden / leidet selbst auch. Einerseits möchte er seine eigenen Ziele verwirklichen. Andererseits fühlt er sich schuldig und unbehaglich, da er sich seinen eigenen Brüdern und Schwestern auf dem Weg lieblos gegenüber zu benehmen hat. Thay hat gehört, dass es keine Nacht gibt, in der Thay Duc Nghi nicht weint. Wie schmerzhaft dies ist! Su Phu Duc Nghi [unsere jungen Brüder und Schwestern beziehen sich auf den Ehrwürdigen Abt als „Su Phu“, was Vater-Lehrer (Teacher Father) bedeutet] sagte euren älteren Brüdern häufig, dass er viel Druck von außen ausgesetzt war. Die Schüler von Su Phu Duc Nghi wissen auch, dass ihr die Achtsamkeitsübungen und die achtsamen Umgangsformen mit Festigkeit/Beständigkeit (stability) praktiziert, dass ihr nur praktizieren wollt, und dass ihr euch überhaupt nicht politisch engagieren oder jemandem etwas wegnehmen wollt. Sobald sie jedoch in die Maschinerie verwickelt sind, können sie nicht mehr aufhören. Die Dong Brüder [des Ehrwürdigen Duc Nghis monastische Studenten] haben auch ihr eigenes Leiden, und sie können sicherlich weder gut schlafen noch gut essen. Thay hat gehört, dass ihr die Dong Brüder immer mit Respekt behandelt, dass ihr sie niemals kritisiert oder ihnen Vorwürfe macht, und dass ihr jedes Mal, wenn ihr sie seht, eure Handflächen zusammenlegt als einem Lotus, um sie zu grüßen. Thay ist darüber sehr glücklich. Unsere grundlegende Praxis ist, es nicht zuzulassen, dass unsere Brüderschaft und Schwesternschaft zerstört wird. Wir müssen darauf vorbereitet sein, dass, wenn der Tag kommt, wir unsere Beziehung leicht wieder reparieren können.

Die wahre Praxis ist nicht nur die Achtsamkeitsübungen und die achtsamen Umgangsformen nach außen und der Form nach zu praktizieren. Wenn wir es nicht verstehen, tief zu schauen, wenn wir keine effektiven Praktiken haben, dann können wir uns auch nicht um die Energien der Gewalt, der Angst, der Feigheit und des Hasses in uns kümmern. Wenn diese Energien unseren Körper und unseren Geist beherrschen, können wir nicht vorgeben ruhig und gewaltlos zu sein. Thay hörte die Geschichte von einem unserer jungen Novizen, der weniger als ein Jahr ordiniert war und der in Kampfsportarten ausgebildet war. Als eine Anzahl junger Männer in eure Unterkunft The Beginner’s Mind kamen und eure Betten und Habseligkeiten absichtlich hinauswarfen, konnte dieser junge Bruder ihre gewalttätige Provokation nicht ertragen. Er bat seinen Mentor um Erlaubnis, sich dieser Männer anzunehmen (to handle them). Der junge Novize sagte: „Bitte erlaubt mir, mein Mönch-Sein aufzugeben Ich kann es nicht mehr ertragen. Ich brauche nur 15 Minuten, um alle diese Gangster zu bezwingen/erledigen. Danach werde ich dann, wenn nötig, sechs Monate bis ein Jahr ins Gefängnis gehen. Wenn ich meine Strafe abgesessen habe, werde ich dann wieder zurückkehren, ein Mönch zu sein.“ Sein Mentor war ein junger Dharma-Lehrer, noch keine 30 Jahre alt, aber er sagte zu seinem Schutzbefohlenen: „Lieber Bruder, nenne diese jungen Menschen nicht Gangster. Sie sind auch junge Menschen wir du, aber sie wurden falsch informiert, und deshalb verhalten sie sich so. Sie denken, dass wir Gangster sind, die gekommen sind, um die Gebäude und das Land zu übernehmen. Sie sind Opfer von Fehlinformationen, und sie brauchen Hilfe mehr als Strafe. Sie sind nicht deine Feinde. Dein Feind ist die Wut, die dich beherrscht. Setz’ dich hier hin und fange an, lange und tief zu atmen. Umarme die Wut in dir und schaue tief in ihre Natur / was sie ausmacht. Wenn du die Wut in dir meistern kannst, kannst du damit Verstehen und Liebe herbeiführen, und du wirst frisch werden. In der Zukunft wirst du in der Lage sein, diesen Menschen verstehen zu helfen, dass die Informationen, die man ihnen gegeben hat, falsch waren; und dann werden sie sich nicht so verhalten wie sie sich im Moment verhalten. Der Buddha hat dies getan, Thay hat dies getan, und nun musst auch du dies tun. Setz’ dich hin. Setz’ dich hier hin und praktiziere, mein junger Bruder!“ Und der junge Novize setzte sich hin, um zu praktizieren. Die ersten Atemzüge waren laut wie das Rumoren einer Kuh, schwer und mühsam, aber er beruhigte sich langsam, und am Ende hatte er wieder die Kontrolle über seinen Geist. Ein paar Tage später sagte er: „Hoppla! Wenn ich an dem Tag nicht praktiziert hätte, wenn ich Gewalt benutzt hätte, um die Gewalt zu erwidern, dann hätte ich das vom Buddha und Thay gegebene großartige Beispiel zerstört, da der Buddha und Thay sich niemals so verhalten würden.“

Liebe, Verstehen und Gewaltlosigkeit sind nicht (nur) Themen zum drüber-Reden. Sie sind Übungen für uns, tief in sie hinein zu schauen und zu praktizieren. Es gibt jene, die seit 20 oder 30 Jahren praktizieren, aber wenn sie sich ärgerlichen oder provozierenden Situationen ausgesetzt sehen, können sie ihrer Wut und Angst nicht widerstehen, und sie antworten mit gewalttätigem Verhalten. Unter euch gibt es welche, die nur 3 oder 4 Jahre praktiziert haben, und solche, die nur 6 Monate praktiziert haben, doch seid ihr in der Lage, euch gefasst/ruhig zu verhalten, da ihr konkrete Dharma-Praktiken besitzt: wie man unheilsame Geisteszustände erkennt, umarmt und transformiert. Deshalb können Menschen sehen, dass ihr wahre Praktizierende seid und dass eure Dharma-Praktiken nicht nur für «Anfänger auf rudimentärem Niveau» oder nur «oberflächliche Meditation» sind wie es manche kritisiert haben. Dies sind Dharma-Praktiken, an die wir 100% glauben müssen. Sie sind unsere letztendlichen Wahrheiten, unterrichtet vom Buddha selbst im «Sutra über das achtsame Atmen». Thay sieht, dass viele Ehrwürdige, mit und ohne Position in der Buddhistischen Kirche, auch erkannt haben, dass es euch ein Herzensbedürfnis ist zu lernen und zu praktizieren, und dass ihr weltlichem Ruhm und Streben entsagt habt, um dem Weg wahrer monastischer Praktizierender zu folgen. Sie wissen, dass ihr unablässig die Achtsamkeitsübungen und die achtsamen Umgangsformen praktiziert. Und von daher haben sie ihr Bestes getan, euch zu beschützen, obwohl ihre Möglichkeiten begrenzt sind. Thay erinnert sich, dass sie in einem offiziellen Dokument klar schrieben: „Das Prajna Kloster ist eine Einrichtung, die zur buddhistischen Kirche gehört. Wer auch immer ordentlich praktiziert, darf sich dort weiterhin aufhalten. Wer auch immer sich unpassend benimmt und gewalttätiges Verhalten zeigt, muss das Kloster verlassen.“ Manchmal, durch ihre offiziellen Schreiben, haben diese Ehrwürdigen euch protegiert, so dass ihr friedlich unter ihrem Schutz verweilen konntet. Und vor Kurzem erteilten sie den Auftrag, dass die Gewalt aufhören muss, und dass der Wasser- und Elektrizitätsanschluss für euch wiederhergestellt werden muss. Seid ihr euch bewusst, dass dies schon eine ganze Menge ist, was diese Ehrwürdigen getan haben? Wenn die Situation nicht so ist wie sie es sich erhoffen, so ist es, weil ihre Macht begrenzt ist. Daneben müssen andere Bedingungen gegeben sein. Wenn die Wahrheit ans Licht kommt, werden heilsame, günstige Bedingungen zusammen kommen. In einigen Jahren, wenn es klar ist, dass die Präsenz des Prajna Klosters keinerlei Gefahr für die nationale Sicherheit darstellt; wenn hingegen viele erkennen, dass es hilft, die ethischen, moralischen und kulturellen Werte für das Land richtig- und wiederherzustellen, dann wird sich diese Vorstellung, diese Angst, dieser Verdacht auflösen, und man wird uns in Frieden lassen zu praktizieren und anderen zu helfen.

Wisst ihr, dass im Moment, in unserem Land und in der Welt, jeder von Prajna weiß, und dass jeder Kenntnis hat, was geschehen ist? Jeder ist in der Lage, eure ruhige und gewaltlose Praxis zu sehen, und jeder ist stolz auf euch. Das Photo von euch wie ihr inmitten von Gewalt und Provokation still in der Meditation sitzt ist weit verbreitet worden, und Millionen von Menschen haben es gesehen. Es unterscheidet sich nicht von dem Photo des Höchst Ehrwürdigen Quang Duc als er sich 1963 opferte, um Frieden einzufordern. Wir sind umarmt und beschützt worden von vielen spirituellen Freunden. Thay weiß, dass seine Kinder sich nicht sorgen, da ihr wisst, dass Thay sich keine Sorgen macht. Ihr müsst dort drüben nur sehr still sitzen, genau wie Thay und eure Brüder und Schwestern hier nur sehr still sitzen müssen, dann wird sich mit Sicherheit der Donner beruhigen und die Wolken werden sich auflösen. Unsere Energie des Schweigens ist die Energie des Verstehens und der Liebe. Dies ist ein Edles Schweigen und es ist auch ein Donnerndes Schweigen. Auch wenn wir, Lehrer und Schüler, dem äußeren Anschein zufolge morgen an unterschiedlichen Orten sein mögen; werden wir uns doch immer haben. Der Diamanten-Samen ist im Herzen eines jeden von euch, und in der Zukunft wird ein jeder von euch ein Fragrant Palm Leaf werden; ein jeder von euch wird ein Prajna Kloster werden. Es wird hunderte und tausende Prajna Klöster in unserem Heimatland und in der Welt geben. Es wird langsam eine Realität, nicht wahr, meine Kinder? Wir sind eine Sangha. Wir sind nicht eine Einrichtung. Lasst Thay für euch ein Gedicht von Zen Meister Tinh Quang, der Mitte des 12. Jahrhunderts lebte, niederschreiben. Dieses Gedicht gibt die Freiheit und Furchtlosigkeit des Zen Meisters wieder. Wenn wir es lesen, spüren wir auch, dass der Zen Meister über unsere eigene Haltung spricht:

Darüber gibt es kein Ziegeldach zu decken
Darunter kein Land, einen Pfosten zu platzieren
Der Mensch mit dem Stock kommt
Der Mensch in seltsamer Kleidung kehrt zurück
Wenn die Aktionen zusammen kommen
Ist es wie ein Drache, der sich auf die Beute stürzt

Ihr solltet dabei im Gedächtnis behalten, dass „die Beute“ hier der Ball ist, mit dem die Drachen – auf dem Dach des Tempels – wie im Märchen spielen.

Ja, es ist schon Zeit, einen Dharma-Vortrag zu halten. Thay wird euch später wieder schreiben.

Mit Liebe und Vertrauen,

Thay,

Nht Hnh


Ein herzliches Dankeschön geht an Elke aus Stuttgart, die den Brief übersetzt hat.

Die englische Originalversion gibt es unter: http://www.plumvillage.org/letters-from-thay/141-sitting-still-imperturbable.html